Hoch oben im Leuchtturm

Als F ein kleiner Junge war und mit seiner Familie jeweils in die Ferien ging, pilgerten wir so sicher wie das Amen in der Kirche zu jedem bekannten Gotteshaus in der Nähe – eine Leidenschaft von F’s Mutter. Heute pilgert F zu jedem Leuchtturm im Umkreis von 100 Kilometern – eine Leidenschaft von A. Müsste F zwischen den beiden Leidenschaften wählen, würde er die Leuchttürme vorziehen. Um diese herum hat es meist mehr Vögel als um die Kirchen rum…

 

Unser Ziel-Leuchtturm westlich von Eden war jener in Point Hicks (siehe Bild). Mit diesem Lighthouse (F sagt zu D jedes Mal zuerst Leuchthaus statt Leuchtturm) sind drei spezielle Dinge verbunden: Erstens ist Point Hicks jenes Kap, das Captain James Cook im Jahr 1770 als erste Landmasse von Terra Australis erspähte. Benannt ist es nach Lt Zachary Hicks, der im Ausguck stand und „Land“ rief. Zweitens ist es der höchste Leuchtturm auf dem Festland. Und drittens liegt es inmitten einer berückend wilden Küstenlandschaft, die heute über mehrere Dutzend Kilometer durch den Croajingolong-Nationalpark geschützt ist.

 

Mit dem Auto kann man über 30 km dirt roads bis auf 3 Kilometer an den Leuchtturm heranfahren. Den Rest liefen wir bzw. ritt D auf F’s Schultern. Am Kap wehte ein so stürmischer Wind, dass wir kaum aufrecht stehen konnten. Die Wellen schlugen mit Getöse auf die Felsen auf und ein Gemisch von Salzwasser und Sandkörnern schmirgelte uns um die Backen. Also nichts wie ab in den Windschatten des Leuchtturms. Kaum waren wir um die Ecke gebogen, steht ein hochgewachsener, schlaksiger Mann Mitte Fünzig mit Dreitagebart vor uns. „Paul, I’m the lighthouse-keeper“, stellt er sich vor. Dies lässt ihn ihn D’s Augen zu einer Respektsperson sondergleichen werden. Fortan hängt er nur so an Pauls Lippen und saugt jeden Fetzen Information ein. Zu D’s Entzücken zückt Paul den Schlüssel zum Turm und lädt uns zu einer Tour ein (wirklich eine Ausnahme!). F gibt mit einem akuten Anfall von Vertigo nach einem Drittel der Höhe auf (und versucht aus einem weiss-grauen Flecken im Ozean draussen einen Shy Albatross zu machen). Doch A und D schaffen es bis nach oben und schreien dann herunter, wie wundervoll die Aussicht dort oben sei (siehe Bilder). Paul setzt D in das Glasgehäuse des alten Lichts (siehe Bild; heute wird nur noch ein kleineres, solarbetriebenes Licht eingesetzt) und dreht ihn herum, so wie sich früher auch die Lampe drehte.

 

Danach lud uns Paul (siehe Bild mit D) noch das lighthouse-keeper’s cottage ein, in dem er mit seiner Frau wohnt, wenn er Dienst hat. Sehr karg, sehr stilvoll renoviert, viele alte Bauteile aus dem 19. Jahrhundert sind erhalten. Und was für eine Aussicht vom Balkon. Ein Lebensstil, an den man sich rasend schnell gewöhnen könnte, wenn man ein bisschen Einsamkeit erträgt. Neben dem Kontrollieren des automatischen Signallichts gehören noch einige andere Aufgaben zu Pauls Pflichten: Wettermeldungen, Coast Watch (für die Zollbehörden und gegen Fischerei- und Muschelwilderer) und die Administration von zwei Ferien-Cottages und eines Campsites im Nationalpark. Am Abend stiefelt er zur Küste runter und fängt sich einen Fisch fürs Nachtessen. Den Job als Lighthouse-Keeper macht er jeweils für zwei Wochen und ist dann vier Wochen auf seiner Farm in Buchan im Tal des Snowy River. Drei Monate im Jahr ist er in Indonesien, wo er weitere Projekte verfolgt. Paul, the man from Snowy River, und ein typischen Beispiel für jene (alles andere als seltenen) Australier, die mit dem Leben in den Städten nichts anfangen können und sich auf dem Land eine Patchwork-Existenz aufgebaut haben.

 

Auf dem Rückweg kamen wir an einem Wegweiser vorbei, der zum Mueller River weist. Der Name geht auf Baron Ferdinand von Müller zurück, den Chefbotanisten der viktorianischen Regierung im 19. Jahrhundert. D war nach seinem Leuchtturm-Abenteuer bereits in tiefsten Schlaf versunken, weshalb wir auf ein Foto mit zwei Müllers neben der Tafel verzichteten.

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