Liebe Leserinnen und Leser: Jetzt folgt ein ellenlanger Roman. Wie immer gilt: Bildli anschauen erzählt schon viel,…aber nicht alles.
Also: Jetzt die Geschichte von A, D und F in Goongerah. So heisst eine Lichtung im Tal des Brodribb-Rivers, der parallel zum Snowy River aus den Bergen Richtung Orbost und Tasman Sea fliesst. Die Lichtung erreicht man, indem man am Ortsausgang von Orbost in Eukalyptus-Wälder einfährt, dann mindestens 3x so viele Kurven fährt wie zwischen Chur und Arosa und nach ca. 60 Kilometern in der ersten Lichtung wieder aus den Wäldern auftaucht – das wäre dann eben Goongerah. Das erste Haus von Goongerah,das wir sahen, war auch das erste Haus, das wir seit Orbost gesehen hatten. Das erste Mal fuhren wir die Strecke an einem regnerischen und nebligen Tag gegen Abend – eine verwunschene, gruselig schöne Stimmung, in der Peter Jackson problemlos seine Fangorn-Forest-Szenen für „Lord of the Rings“ drehen können (dort wo die Ents leben,…Ihr erinnert Euch sicher). Zwischendurch waren wir uns nicht mehr so sicher, ob wir das Ziel je erreichen würden,…der Weg war endlos.
Goongerah hat 50-60 Einwohner, ca. ein Drittel davon Kinder – das reicht im australischen Busch für eine eigene Schule. Zumikons Schulbehörden, die ihre Primarschule schliessen mussten, werden jetzt vor Neid erblassen; logo, …die Distanzen sind anders.

Die ersten Siedler kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Goongerah und rodeten sich Weideflächen. Hundert Jahre später bildete eine bunt gemischte Truppe aus Aussteigern und Selbstversorgern die zweite Welle, die den Ort heute besiedelt. Eine der Pionierinnen dieser zweiten Welle war Jill Redwood, eine Farmerin und beseelte Kämpferin gegen das Abholzen der ursprünglichen Wälder von East Gippsland (so heisst diese abgelegene Region Victorias). Bei Jill kamen wir unter, und zwar in einem Cottage mit zwei Schlafzimmern, das sie vermietet (http://www.eastgippsland.net.au/jacarri/ ). Vier Nächte blieben wir dort und froren uns erst einmal den A…. ab. Die einzige Heizmöglichkeit ist ein über hundertjähriger Holzofen (siehe Bilder) mit einer winzigen Feuerkammer. Gewusst wie, bringt man das Ding rasch auf Touren und das Cottage auf Temperaturen, die es einem mit drei Lagen an Pullis recht gemütlich finden lassen (nicht vergessen: wir sind mitten im australischen Winter und sind weit nach Süden gereist). Am ersten Abend wusste F aber noch nicht wie! Ergo gingen drei durchfrorene und müde Reisende nach einem Tomatensüppli mit Möckli sehr früh und dick vermummt in die Schlafsäcke. D’s Laune war gerettet, als er entdeckte, dass er in einem Kajütenbett schlafen durfte.

Die nächsten Tage kriegten wir den Metters-Ofen (so heisst die in Australien ikonische Marke) in den Griff – der Erfolg kehrte ein, als F beim Holzhacken die Scheiter kleiner machte als am ersten Abend. Das ging soweit, dass F auf dem Ofen einen ganzen Znacht mit Beef-Sausages, Steaks und Mashed Potato kochte (und sich dabei nur einmal am Arm verbrannte – etwas, das A am Tag drauf gleich kopierte). Kalte Füdlis setzte es danach nur noch ab, wenn wir auf das Kompost-WC raus mussten, das sich ausserhalb des Cottages in einem kleinen Hexenhäuschen (Bild) befand. Anfangs hatten wir schlimmste Befürchtungen, dass D sich nun vier Tage weigern würde, aufs Klo zu gehen. Am ersten Abend umschifften wir das Problem mit einem Nachttopf-Gang im Schlafzimmer (Nachttopf-Rand auf dem Ofen auf 36 Grad angewärmt). Am nächsten Morgen entdeckte D das kleine, solarbetriebene Lämpchen im WC-Häuschen, das Jill installiert hatte, damit man sich auch nachts zurechtfindet. Von da an war der Gang aus Klo „of high interest“ für den Junior. Nur fürs Duschen konnten wir ihn nicht begeistern, obwohl es warmes Wasser (mit Holz eingeheizt) hatte.



Jill (siehe auf dem Foto mit A und ihrem Hund Roo) ist eine raue und herzliche Frau, die sich ihre Existenz auf der Farm von Grund auf selbst aufgebaut hat. Als sie Mitte der 80er-Jahre ankam, stellte sie zuerst in drei Wochen eine Rindenhütte auf (die heute noch steht) mit einem gestampften Erde-/Kiesboden. Darin lebte sie acht Jahre, bis sie sich ein grösseres Haus baute. Ihre ökologische Grundhaltung zieht Jill von A bis Z durch. Sie baut ihr eigenes Gemüse an (siehe Bild) und hält Hühner, Gänse, Geissen und Alpakas (die sie auch züchtet). In einem mit Netzen zugedeckten Obstgarten wachsen Pflaumen, Birnen, Mandarinen, Zitronen, Trauben und mehrere Apfelsorten (die jedes Jahr 300 Liter Apfelsaft hergeben). Als Trinkwasser benutzt sie Regenwasser, das Brauchwasser kommt via Wasserrad (siehe Bild) nach einem alten maurischen Prinzip ins Haus. Diesem Wasserrad verdanken wir übrigens auch den Tipp für das Cottage, weil Jill im Magazin „Earth Garden“ (www.earthgarden.com.au) – der australischen Bibel für Aussteiger, Selbstversorgen und Home Builders (Strohballenhäuser, Schlammziegelhäuser, Erdhäuser etc.) – darüber berichtete und ihre Website angab. D war auf der Farm mit all den Tieren wieder voll im Element – seine Lieblinge waren die beiden Pferde Jenka und Bonny und die drei Hunde Mr. Big (ein italienischer Maremma), Roo und Peter. Wollte man mit denen keine Troubles haben, mussten wir uns mit einem lauten Coo-eee melden, bevor wir die Farm betraten. Katzen hat sie keine auf ihrer Farm – abgesehen von Dutzenden von Fellen von „Feral Cats“, die sie in Fallen fängt. Was sie mit dem Fleisch der Katzen macht, trauten wir uns nicht zu fragen…
Neben ihrer Farm hat Jill eine zweite Passion: Die Politik. Sie ist in ihrer Gegend eine der Galionsfiguren der australischen Grünen und wenn wir auf einen Besuch zu ihr gingen, sass sie meist vor ihrem Laptop (mit Solarstrom gespiesen und via Satellitenantenne mit der Aussenwelt verbunden), mailte sich durch einen Wahlkampf oder telefonierte mit einer Radiostation, um sich in einer Talk-Back-Sendung mit konservativen Anrufern zu streiten. In Melbourne holen sich die Grünen inzwischen in den wohlhabenderen Vierteln bis zu 30 Prozent der Stimmen. Staatsweit sind es ca. 15 Prozent.
Jills „Lieblingsthema“ ist das in Victoria und insbesondere East Gippsland immer noch gängige Abholzen von sogenannten Old Growth Forests (also ursprünglichen Urwäldern). Die meisten anderen australischen Staaten haben diese Praxis inzwischen eingestellt – mit Ausnahme von Tasmanien, das mit seiner korrupten Liaison zwischen Politik (Labour), Holzarbeitergewerkschaften und privaten Holzgesellschaften immer wieder Negativschlagzeilen schreibt. Jills Kommentar dazu: „In Tasmanien spricht man darüber, hier nicht – aber es sind dieselben Strukturen.“ Mit Gleichgesinnten (www.eastgippsland.net.au) lancierte Jill vor 20 Jahren eine bis heute andauernde Kampagne. Mit medienwirksamen Blockaden von Forstmaschinen, Anketten an Bäumen und dem Aufzeigen der Folgen von grossflächigen Kahlschlägen schaffte ihre Gruppe es, so viel Druck aufzubauen, dass die Regierung einige der Wälder in der Umgebung von Goongerah in einen neuen Nationalpark (Errinundra National Park) einschloss. Allerdings nicht ohne vorher in benachbarte, ebenso wertvolle Wälder Forststrassen zu schlagen – und per von der Regierung ebenfalls gleich festgelegter Definition konnte ein so erschlossener Wald nicht mehr als Urwald gelten und demzufolge nicht mehr in den Nationalpark einbezogen werden.

Auf Jills Tipp hin besuchten wir einen solchen Wald, der rund eine halbe Stunde Autofahrt von Goongerah entfernt liegt (Brown Mountain und Legge Road). Schon die Fahrt dahin, über eine Kies- und Schlammstrasse (mit Schleuderfahrt um die eine oder andere Kurve selbst bei Tempo 20) war ein Abenteuer (inklusive dem vergeblichen Tankstopp bei der einzigen Tankstelle innerhalb der nächsten 60 Kilometer, die geschlossen war, obwohl sie nach ihren Öffnungszeiten eigentlich hätte bemannt sein müssen – wir mussten unsere Reisepläne für die nächsten Tage deshalb ziemlich ändern). Der Weg führte durch Baumfarn-bestandene Hänge (siehe Bild), in denen man sich ebenso gut in einem peruanischen oder ghanaischen Dschungel hätte wähnen können. Entlang eines Tracks, den Jill markiert hatte, fanden wir nach einem einstündigen Marsch durch den Regen Eukalyptusbäume (Shining Gums und Mountain Grey Gums), die gut und gerne einen Umfang von neun Metern (siehe Bild) und eine Höhe von 60 Metern hatten. Nach dem fünften Riesen wurde es D zu nass (lauthalser Protest) und wir kehrten um.
Jills Ärger: Trotz dieser ursprünglichen und immer seltener werdenden Waldform ist die Gegend für einen Kahlschlag freigegeben. Diese Nutzungsform zerstört nicht nur den Urwald, sondern verhindert meist auch das Nachwachsen eines artenreichen neuen Waldes (ganz abgesehen davon, dass die staatliche Forstgesellschaft sowieso am liebsten überall Plantagen aufforsten würde). Das in den Urwäldern gewonnene Holz wird nicht etwa für hochwertige Zwecke eingesetzt, sondern wird in Eden (NSW) in einer Woodchip-Mühle zu Schnitzeln geschreddert. Diese werden billigst nach Japan exportiert und dort zu Papier verarbeitet.
Eine Ahnung davon, wie viele Urwaldriesen so in den Schreddern enden, gewannen wir, als wir Goongerah via Bonang, Delegate und Bombala verliessen und dann Richtung Eden an die Küste hinunterfuhren. Alle fünf Minuten kam uns ein leerer Holztruck entgegen – alles neunachsige Ungetüme, die ihre Fracht bereits abgeliefert hatten. Und regelmässig überholten wir aus Victoria kommende Trucks, die noch auf dem Weg dorthin waren. Eine bessere Holzpraxis verfolgt New South Wales: An vielen Orten sind auf nicht mehr genutzten Weideflächen Plantagen mit Nadel- und Eukalyptusbäumen angelegt worden. Zwar kein schöner Anblick, aber immerhin ohne Kahlschlag von alten Wäldern – und heute als CO2-Senke eine neue Business-Möglichkeit.

PS 1: Einen Tag nahmen wir eine Auszeit vom Urwald und fuhren nach Orbost und Marlo (Cape Conran) an die Küste. Menschenleere Strände (ausser D, siehe Bild). Dörfer, in denen die Einheimischen jeden Fremden noch mit einem Winken begrüssen. Und für F die Pacific Gull…. Auf dem Rückweg hielten wir an der Mündung des Snowy Rivers, den wir entlang seines Laufs begleitet hatten, ins Meer. D feierte den bewegenden Moment mit dem, was er an jedem Ufer tut: Er warf einen Stein rein (siehe Bild).
PS 2: Auf dem Weg nach Orbost musste A aufpassen, dass sie keinen der seltenen und laut Birding-Buch sehr schwer zu beobachtenden Superb Lyrebirds ( http://en.wikipedia.org/wiki/Superb_Lyrebird ) über den Haufen fuhr. Die hühnergrossen Vögel mit ihren leierhaft ausgebildeten Schwänzen (Männchen wie meist im Vogelreich auffälliger als Weibchen) hielten sich en masse am Strassenrand auf (Sonnenbad oder beginnende Paarungszeit).